Ein voller Erfolg war der Tag der offenen Tür im Gewerbegebiet Böse-Buben-Wald. „Das ist eine so hervorragende Gelegenheit, unliebsame Weihnachtsgeschenke auf elegante Art und Weise loszuwerden“, schwärmte eine Besucherin, die nicht namentlich genannt werden will. „Ich kann Schwiegermama ja schlecht sagen, dass ihre Vase geschmacklos ist, da werden wir enterbt. Wird sie hingegen gestohlen – na ja, was soll man machen?“

„Der Tag der offenen Tür ist toll“, schwärmte eine andere Besucherin. „Die Räuber veranstalten jedes Jahr ein lustiges Suchspiel, bei dem man vieles wiederfinden kann, das übers Jahr abhanden kam. Manche Dinge weiß man dadurch viel mehr zu schätzen als früher. Wirklich – es ist schön, dass sich die Räuber so dafür einsetzen, ihre Mitmenschen für den Wert von Dingen zu sensibilisieren.“

Auch die Räuber waren mit der Veranstaltung zufrieden: „Wir sind ja immer selbst überrascht, wie viel Zeugs sich bei uns im Jahresverlauf so ansammelt – da ist es wirklich schön, dass der Tag der offenen Tür so gut angenommen wird und die Leute ihren Krempel wieder mitnehmen. Aus Berufsehre stehlen wir zwar alles, was nicht niet- und nagelfest ist, aber das heißt nicht, dass wir auch alles gebrauchen können.“


Sogar Mounty Roberts war voll des Lobes: „Eine rundum gelungene Veranstaltung! Wir konnten eine Menge Diebesgut sicherstellen, die Räuber über die neuen Strafmaße aufklären und die Interessenten für das Räuberhandwerk mit einer Vorstrafe registrieren. Das vereinfacht die Aufklärung von Diebstählen erfahrungsgemäß deutlich.“

Einzig die Anstandsdamen waren wenig erbaut: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass die Räuber in der Nachbarstadt Humbug bei einem kostenlosen Demo-Einbruch die leeren Schachteln im Keller der bestohlenen Dame liegen gelassen haben“, empörte sich Schneeflittchen. „Das ist unvertretbar!“

„Das waren wir nicht“, beteuerte der Oberräuber. „In Punkt 14 Absatz 27/8c unseres Räuberkodex ist klar geregelt, dass wir den Tatort einwandfrei aufgeräumt hinterlassen und anfallende Verpackungen umweltgerecht entsorgen!“ (Dazu hatte Renate Runkel die Räuber vor einigen Jahren vergattert, nachdem sie das „Diebsgesindel“ in flagranti in ihrem Schuppen erwischt hatte. „Einem sehr unaufgeräumten Schuppen“, wie die Räuber nicht unerwähnt ließen, aber das ist eine andere Geschichte.)

Der zur Schlichtung herbeizitierte Mounty Roberts schlug einen Lokaltermin im Keller der bestohlenen Dame vor, um zu klären, ob die Räuber den Kodex gebrochen oder die Anstandsdamen sich der Ehrbeleidigung schuldig gemacht haben. (Er hofft schon lange darauf, die „ehrenkäsigen Gouvernanten“ bei einem Gesetzesbruch zu erwischen, aber auch das ist eine andere Geschichte.)


Der Lokaltermin ergab keine Klarheit, hatte aber ein unerwartetes Nachspiel, als heute ein Foto mit einer Lösegeldforderung in der Redaktion des „Dorfpranger“ einging. Auf dem Bild ist ein zotteliger Teddybär mit einer aktuellen Ausgabe des „Dorfpranger“ zu sehen. Für die Herausgabe des Teddybärs werden 200 Tüten Gummibären (Waldmeister-Geschmack) und zwei paar Gummistiefel (geblümt, Größe 24 und olivgrün, Größe 58) verlangt.

„Da lässt man die Räuber ins Haus, und sie stehlen einem den Lieblinsgteddybären!“, schniefte die völlig geknickte, schwer von der Welt enttäuschte, schon-mal-beraubte Humbugerin. Die leeren Schachteln hätten die Räuber zwar auch mitgenommen, aber das sei wohl nur ein Ablenkungsmanöver gewesen.

„Das sind Unterstellungen allerfiesester Art!“, verteidigten sich die Räuber einstimmig. „Jemand will uns und unser Gewerbe in Verruf bringen und uns ein Verbrechen allergarstigster Art in die Schuhe schieben!“ Niemals würden sich die Böse-Buben-Wald-Räuber an einem Bären vergreifen, zumal es davon freilebende Exemplare im Räuberwald gäbe. Jemand habe ihnen das untergejubelt.

„Wer hinter der Lösegeldforderung steckt, und ob es sich hier tatsächlich um eine Entführung handelt, ist unklar“, räumte Mounty Roberts ein. Es gäbe tatsächlich Indizien für ein Komplott gegen die Räuber. „Der Teddybär ist anhand des Enführerfotos zwar definitiv identifiziert, aber das Foto des Räubers mit Beutesack könnte eine Fälschung sein.“ Die Mondphase stimme nicht mit dem Tatzeitpunkt überein. Die Räuber boten dem Ordnungshüter ihre volle Unterstützung bei der Klärung des „Jahrhundertverbrechens“.