Platzwunden, Prellungen und Blessuren mannigfaltiger Art zog sich Pater Pius bei seiner Ankunft in Zwiebelfalz zu. Der Pater war zur Ostermesse nach Rom gereist und “bis obenhin voll mit Nächstenliebe und göttlicher Inspiration” in die heimatlichen Gefilde zurückgekehrt. Beflügelt vom päpstlichen Segen “urbi et orbi” begab er sich auf direktem Weg zum Schafspferch von Bauer Semmel – ein Etablissement, das der Pater seit seinem Amtsantritt stets gemieden hatte.

“Es gab damals ein kleines Missverständnis mit den Schäfchen”, so ein reichlich zerrupfter Pater Pius. “Das war zwar damals überhaupt nicht meine Schuld, aber vom päpstlichen Generalablass inspiriert, wollte ich in aller Demut eine neue Annäherung versuchen, um das unverdiente Misstrauen, das die Schafe der Kirche entgegenbringen, ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.” Er habe den Schafen die Hufe waschen wollen, um ihnen so den Gang in die Messe und damit den Weg zurück in den Schoß der Kirche zu erleichtern.

Die symbolische Geste kam bei den Schafen denkbar schlecht an. “Es ist doch sprichwörtlich, dass wir ins Trockene gebracht werden wollen. Und dann kommt dieser Ignorant mit einem lärmenden, spritzenden Hochdruckreiniger an! Kein Wunder, dass meine Familie sich mit Kräften gegen diese Zwangswaschung gewehrt hat!”, schimpte Literaturschaf Elke Heidschnuck, die sofort nach dem Eklat auf der Schafsweide mit ihrer gesamten Verwandschaft nach Zwiebelfalz marschierte und sich auf die Stufen des Münsters stellte, um ihrer “gerechten moralischen Empörung” lautstark Ausdruck zu verleihen.

Er habe eben mit Hoch- und Nachdruck zeigen wollen, dass er den sturen, nachtragenden Schafen ihren ungerechtfertigten Angriff von vor Jahren vollumfänglich vergebe, rechtfertigte sich der aufgebrachte Pater.

Erstens seien Schafe nicht stur oder nachtragend, und zweitens sei der Angriff damals mitnichten von den Schafen, sondern von Haushälterin Marie, damit auch von Pater Pius, und damit wiederum von der Kirche ausgegangen, konterte Elke Heidschnuck, die das Thema wortreich hocheskalierte und es auf kirchenrechtlicher, kulturhistorischer und sozialkritischer Ebene in allen Facetten beleuchtete.

Beendet wurde die Tirade von Haushälterin Marie, die mit einem einzigen Besenstreich nicht nur Elkes Argumente, sondern die ganze Elke samt Verwandschaft von den Münsterstufen fegte.

“Niemand, wirklich niemand, kommt mir mit ungewaschen Füßen auch nur in die Nähe des Münsters!”, so die Haushälterin. Davon gäbe es “keine, wirklich überhaupt keine Ausnahme”, was von Pater Pius mit sichtlicher Resignation bestätigt wurde. Obwohl er schon häufiger zu intervenieren versucht habe, wasche Marie immer das Blut von den Füßen Jesu, wenn das Münster eine Kreuzigungsszene erwerbe.

“Ein Putzzwang der Güte A++!”, jubilierte der hinzugezogene Dr. Viktor Vektor, der Marie sofort in medizinischen Gewahrsam nahm. “Das hat man selten. Es wird mir ein Vergnügen sein, das näher zu untersuchen. Meine Praxis bietet beste Voraussetzungen für einen Frühjahrsputz und eingehendes Studium der Patientin.”

Die Tritt- und Bisswunden des Paters verarztete er mit einem aufmunternden “Die Schafe sind gegen Tollwut geimpft”. Der Kreuzbandriss, den Elke sich beim Sturz von der Kirchentreppe zuzog, sei psychosomatisch und “stehe für Elkles instabiles Verhältnis zur Kirche”. In beiden Fällen helfe nur die Zeit.