Zum alljährlichen Neujahrsempfang im Hudelbuxer Rathaus gesellte sich auch dieses Jahr der alljährliche Neujahrsempfangseklat.

Die Organisatoren des Empfangs wollten dieses Jahr alles richtig machen und die peinlichen Fehler des letzten Jahres ver­meiden. Im Vorjahr hatte ein übles Gerücht (“Das Buffet reicht nicht für alle”) zu chaoti­schen Zuständen geführt, so dass das friedliche Fest von Mounty Roberts gewaltsam aufgelöst werden musste.

Um solche Pannen zu vermeiden, ver­zichtete man heuer gänzlich auf das Buffet. “Das schont Mägen und Stadtkasse”, freute sich Kämme­rer Friedrich Kümmerlein, geistiger Vater des Vorschlags, über das nahezu einstimmige Abstimmungs­ergeb­nis der beiden Abstimmungs­berech­tigten. Hugo von Hudel­bux, der im Vorfeld für Völlerei übelsten Ausmaßes eintrat, konnte im entscheidenden Moment seine Stimme nicht abgeben.

Grund dafür, dass der sonst so sprachgewalttätige Bürgermeister diesmal seine Kiefer nicht auseinanderbrachte, war ein Karamell-Sahne-Kaubonbon, welches sich kurz vor der Abstimmung in einem festlich verpackten Schächtelchen auf Hugos Schreibtisch fand. Wie es dorthin gelangte, ist unklar – die Spur des schicksalträchtigen Präsents führte in die Hudelbuxer Kneipe und den Böse-Buben-Wald, bevor sie sich in der Bibliothek Zwiebelfalz verlor.

Kämmerer Friedrich Kümmerlein nutzte die Gunst der Stunde und die Stummheit seines Vorgesetzten, um gleich noch über das Ersatzprogramm zu entscheiden. So wurde auf dem Hudelbuxer Neujahrsempfang diesmal ausschließlich geistige Nahrung gereicht. Die sei nicht nur bekömmlicher, sondern auch wesentlich billiger, argumentierte Friedrich Kümmerlein. “Hobbyliteraten freuen sich, wenn sie vortragen dürfen. Das ist ihnen Lohn genug. Sie brauchen kein Honorar.”

Die Beteiligung war denn auch riesig: Die Räuber brachten eine nicht ganz schillertreue Adaption des gleichnamigen Werkes in 18 Akten zur Aufführung (“Wahre Dramaturgie braucht ihre Zeit!”), der Zwiebelfalzer Bibliothekar Triple F trug mit beachtlichem Mangel an Intonation die 333-strophige “Ode an die Öde” vor (“Die wahre Kunst liegt hier in der absoluten Monotonie!”), bevor Literaturschaf Elke Heidschnuck das Publikum mit ihrem Gedichtreigen “Es blökt, was blökt” unterhielt (“Mäh, mäh-mäh, mäh!”).

Aufgelockert wurde das eher ernsthafte literarische Programm mit kurzen Einlagen von Hausfrauenlyrik, geschrieben und vorgetragen von den hiesigen Damen. Insbesondere der Kontrast zwischen den frivolen 4-Zeilern von Putzfrau Marie und den moralinsauren, bedeutungsschweren Texten der Anstandsdamen Schneeflittchen und Dornhöschen sorgten für dramaturgische Spannung.

Omas geplante Lesung der Novelle “Nichts Neues an Neujahr” musste leider ausfallen, da der größere Teil der Gäste zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ansprechbar war. “Friedrich Kümmerleins Idee ist lobenswert, aber er hat nicht bedacht, dass besonders die Hudelbuxer Bürger geistige Nahrung in diesem Ausmaß nicht gewohnt sind”, so ein schwer beschäftigter Dr. Viktor Vektor. “Vielen von ihnen lag die Literatur schwer im Magen. Auch einige allergische Reaktionen konnte ich feststellen.”

Da helfe nur eins: Leichte Lektüre. Viktor Vektor ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit seiner Oberschwester eine szenische Lesung von besonders oberflächlichen Se­quen­zen aus dem erst kürzlich in einen Skandal verwickelten Erotikroman “Die Fantasie der Schwester A.” zum Besten zu geben. “Die Kombination aus geistig anspruchslosen Texten und dem angenehmen Gefühl von Kindheit und Geborgenheit, die das Vorgelesen­be­kom­men auslöst, wirkt Wunder”, so der Arzt stolz. “Bereits nach wenigen Minuten fielen die meisten der angeschlagenen Besucher in heilsamen Tiefschlaf.”

Sobald die Mitglieder des Hudelbuxer Stadtrats wieder erwacht sind, können auch die Amtsgeschäfte im neuen Jahr aufgenommen werden. Das kann allerdings noch dauern – besonders für Hugo von Hudelbux sei der Kulturschock doch erheblich gewesen, so Viktor Vektor.