Die Anstandsdamen

Schneeflittchen und Dornhöschen legen höchsten Wert auf perfekte Manieren und die moralisch einwandfreie Fassade ihrer Mitbürger. Ihr Anstandswauwau meldet Verstöße ge­gen die guten Sitten.

Schneeflittchen und Dornhöschen wurden als Töchter eines bettelarmen Köhlers und seiner Frau geboren. Als ihre Mutter im Kindbett starb, war ihr letzter Wunsch, ihr Mann möge den beiden Mädchen perfekte Manieren und geschliffene Umgangsformen beibringen, da­mit sie (wie vor ihnen Aschenbrödel) einst Chan­cen auf einen Prinzen hätten. Außerdem sollten sie “mär­chenhafte Namen” erhalten, die die­ser goldenen Zukunkft gerecht würden.

Möglicherweise sprach die Sterbende un­deut­lich. Möglicherweise hatte der Köhler eine kleine Bildungslücke in seinem Märchenschatz. Möglicherweise litt er unter einer Le­se-Recht­schreibschwäche. Möglicherweise machte der Standesbeamte beim Ausfüllen der Ge­burts­urkunden einen Fehler. Möglicherweise war der Mann eben ein Mann und dach­te entsprechend nur an das eine.

So oder so erhielten Schneeflittchen und Dornhöschen Namen, unter denen sie ihre ge­samte Kindheit und Jugend zu leiden hatten. Um dem zweideutigen Spott, dem sie aus­ge­setzt waren, etwas entgegenzusetzen, verhielten sie sich immer vollkommen korrekt, was dem Wunsch ihrer Mutter entsprach und ihnen den Ruf einbrachte, zugeknöpft, frigide und sinnenfeindlich zu sein.

Nach dem Tod ihres Vaters kauften sie sich von dem bescheidenen Erbe einen schnee­weißen Königspudel, den sie darauf abrichteten, Lügen zu erkennen. Der Hund knurrt, wenn in seiner Anwesenheit jemand schwindelt, sabbert, wenn jemand See­mannsgarn auftischt, und bellt, wenn jemand unverfroren lügt. Mit Hilfe des Tiers ver­dien­ten die beiden Damen ein kleines Vermögen als Beraterinnen der Mächtigen und Möchtegern-Mächtigen.

Schließlich zog es sie nach Hudelbux, wo sie, völlig zu Recht, eine besonders hohe Dich­te an Lügnern, Schwindlern, Intriganten und Flunkerern vermuteten. Sie nahmen, völ­lig zu Unrecht, an, dass ihre Dienste hier höchst willkommen und bares Geld wert sei­en. Dass sie einem Trugschluss aufsaßen (jeder weiß, dass man keinem Hudelbuxer trauen kann, also bezahlt auch keiner für dieses Wissen), stellten sie erst fest, als sie sich ein Häus­chen gekauft und ihr letztes Geld für eine adäquate Innenausstattung aus­ge­ge­ben hat­ten (die Tapeten sollen ein Vermögen gekostet haben!).

Seither entwickeln die beiden ein neues, nicht näher bekanntes Geschäftsmodell als Hu­del­buxer Ikonen der Doppelmoral, wobei ihnen, soliden Gerüchten zufolge, ihr Hund mit seinem ständigen Gebelle im­mer wieder die Arbeit schwer macht.